Babyn Jar

ERINNERN WIR UNS (Gastbeitrag)

DIE NEUEN TÄTER MITTEN UNTER UNS

Das Schreiben dieser Zeilen fällt in Anbetracht des Themas schwer.

UND TROTZDEM …

… erinnern wir uns.

LEUTE, HÖRT ZU …

… HEUTE VOR 75 JAHREN geschah es – in Babyn Jar!

Babyn Jar (übersetzt Weiberschlucht) – eine Schlucht auf dem Gebiet der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Diese Schlucht war Schauplatz des größten Einzelmassakers von Juden im Zweiten Weltkrieg unter Verantwortung der deutschen Wehrmacht.

WIE KANN ES SEIN, DASS MENSCHEN MENSCHEN TÖTEN?
Menschen können das nicht sein!
Und doch waren es damals Täter in menschlichen Hüllen.

Am 29. und 30. September 1941 fielen den mordenden, deutschen Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD (Abk. EGr) der Wehrmacht mehr als 33.000 Zivilisten zum Opfer – vor allem Juden, zumeist Kinder, Frauen und Alte, aber auch Roma, Kommunisten, tatsächliche und vermeintliche Partisanen, „Asoziale“ sowie geistig und körperlich Behinderte.

Sie mussten sich in der langen und tiefen Schlucht jeweils nackt über die Toten legen und wurden dann erschossen.

Sie entkamen damit dem fabrikmäßigen Massenmord durch Gaseinsatz in Ausschwitz, wo die Kapazitäten nicht mehr reichten, wo millionenfache Vergasungen stattfanden.

Die EKr waren zuständig für Massenmorde im Polenfeldzug 1939, im Balkanfeldzug 1941 und vor allem im Krieg gegen die Sowjetunion 1941 bis 1945.

ICH BIN ÜBERZEUGT, dass solche möglichen Täter – teuflische Täter dieser Art von damals – heute mitten unter uns, mitten in unserer Gesellschaft leben. Wir erleben es Tag für Tag durch ihre rechtsradikalen Taten oder brandschatzenden Worte alter Prägung.

Schon jetzt reden sie offen in sozialen Netzwerken und mitten in ihrer Braunen Brut von einer Reaktivierung von Buchenwald und anderer grauenvoller Stätten.

Sie agieren getarnt in Uniformen ihrer paktierenden Gangs oder Bürgerwehr genannter, neuer Schutzstaffeln.

Sie agieren getarnt im feinen Anzug ihrer Posten in Organen des Staates.

Sie infiltrieren mehr und mehr das gesellschaftliche Leben in Stadt und Land.

Es ist bei ihnen Strategie – sie rekrutieren und platzieren ihre Bauern überall.

UND – sie agieren offen in ihren neuen als „demokratisch“ getarnten Organisationen und Parteien der „PegNPAFD“, sonstiger Elitären und Co..

WIR KÖNNEN sie nicht für etwas bestrafen, was sie nicht begangen haben.

DER STAAT KANN & MUSS sie aber UNBEDINGT zeitnah für ihre Ansinnen bzw. verbalen Brandschatzungen bestrafen, die sie zur Genüge bereits zur Schau gestellt haben – und zwar, BEVOR sie sich politische Mehrheiten erschleichen und erlügen.

DIE HEUTE LEBENDEN sind nicht für das verantwortlich, was damals war. Sie sind aber für das verantwortlich, was die Zukunft bringt – JEDER – ich, DU, wir Alle.

DAS, WAS NEUE NAZIS, vulgäre Nationalisten und Populisten eines Rechtsterrors heute mitten unter uns erneut verbrecherisch verkünden, sollte uns wichtige Erinnerung an das Damalige sein.

Babyn Jar – auch geschrieben Babij Jar …

MAHNUNG soll es sein – das nachfolgende, weltbekannte Gedicht zu der damaligen, ungeheuren Tat – ein Gedenken soll es sein auch an die ermordeten Kinder von Babyn Jar.

denkmal_babi_yar

Denkmal für die ermordeten Kinder von Babyn Jar

BABIJ JAR
von Jewgenij Jewtuschenko
(übersetzt von Paul Celan)

Über Babij Jar, da steht keinerlei Denkmal.
Ein schroffer Hang – der eine unbehauene Grabstein.
Mir ist angst.
Ich bin alt heute,
so alt wie das jüdische Volk.
Ich glaube, ich bin jetzt
ein Jude.
Wir ziehn aus Ägyptenland aus, ich zieh mit.
Man schlägt mich ans Kreuz, ich komm um,
und da, da seht ihr sie noch:
die Spuren der Nägel.
Dreyfus, auch er,
das bin ich.
Der Spießer
denunziert mich,
der Philister
spricht mir das Urteil.
Hinter Gittern bin ich.
Umstellt.
Müdgehetzt.
Und bespien.
Und verleumdet.
Und es kommen Dämchen daher, mit Brüsseler Spitzen,
und kreischen und stechen mir ins Gesicht
mit Sonnenschirmchen.
Ich glaube, ich bin jetzt
ein kleiner Junge in Bialystok.
Das Blut fließt über die Diele, in Bächen.
Gestank von Zwiebel und Wodka, die Herren
Stammtisch-Häuptlinge lassen sich gehn.
Ein Tritt! mit dem Stiefel, ich lieg in der Ecke.
Ich fleh die Pogrombrüder an, ich flehe – umsonst.
«Hau den Juden, rette Rußland!» -:
der Mehlhändler hat meine Mutter erschlagen.
Mein russisches Volk!
Internationalistisch
bist du, zuinnerst, ich weiß.
Dein Name ist fleckenlos, aber
oft in Hände geraten, die waren nicht rein;
ein Rasselwort in diesen Händen, das war er.
Meine Erde – ich kenne sie, sie ist gut, sie ist gütig.
Und sie, die Antisemiten, die nieder-
trächtigen, daß
sie großtun mit diesem Namen:
«Bund des russischen Volks»!
Und nicht beben und zittern!
Ich glaube, ich bin jetzt sie:
Anne Frank.
Licht-
durchwoben, ein Zweig
im April.
Ich liebe,
Und brauche nicht Worte und Phrasen.
Und brauche:
daß du mich anschaust, daß ich dich anschau.
Wenig Sichtbares noch,
wenig Greifbares!
Die Blätter – verboten.
Der Himmel – verboten.
Aber einander umarmen, leise,,
das dürfen, das können wir noch.
Sie kommen?
Fürchte dich nicht, was da kommt, ist der Frühling.
Er ist so laut, er ist unterwegs, hierher.
Rück näher…
Mit deinen Lippen. Wart nicht.
Sie rennen die Tür ein?
Nicht sie. Was du hörst, ist der Eisgang,
die Schneeschmelze draußen.
Über Babij Jar, da redet der Wildwuchs, das Gras.
Streng, so sieht dich der Baum am,
mit Richter-Augen.
Das Schweigen rings schreit.
Ich nehme die Mütze vom Kopf, ich fühle,
ich werde
grau.
Und bin – bin selbst
ein einziger Schrei ohne Stimme
über tausend und aber
tausend Begrabene hin.
Jeder hier erschossene Greis -:
ich. Jedes hier erschossene Kind -:
ich.
Nichts, keine Faser in mir,
vergißt das je!
Die Internationale —
ertönen, erdröhnen soll sie,
wenn der letzte Antisemit, den sie trägt, diese Erde,
im Grab ist, für immer.
Ich habe kein jüdisches Blut in den Adern.
Aber verhaßt bin ich allen Antisemiten.
Mit wütigem, schwieligem Haß,
so hassen sie mich –
wie einen Juden.
Und deshalb bin ich
ein wirklicher Jude.

(Aus: Paul Celan: Gesammelte Werke. Bd. 5. Übertragungen II. Frankfurt/M. 2000. S. 288ff.)

Babyn Jar

uiz-beilage_kolumne_port-woling_2

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.